Gestaltungstherapie Die Anwendungsbereiche
Heute begegnet uns im ambulanten und klinischen Bereich, aber auch auf dem freien Markt der Wohlfühl- und Selbsterkenntnis-Branche, ein breiter Fächer der verschiedensten alten und neuen Kreativtherapien, die zu nennen und gegeneinander abzugrenzen diesen Rahmen weit übersteigen würde. Einige dieser Verfahren sind in unserem Kulturkreis überliefert und lange erprobtes Basismaterial des Heilwissens. Dazu gesellen sich zahlreiche Spezifizierungen und Adaptionen. Ausgangsbasis dieser neueren Techniken sind einerseits Forschungsergebnisse (z. B. aus der Traumaforschung) andererseits exotische traditionelle Heilrituale und religiöse sowie parareligiöse Riten und Techniken. Dazu gesellen sich Anwendungen, die ihrerseits aus langer eigener Erfahrung mit verschiedenen therapeutischen Methoden sozusagen synthetisiert wurden. Um nur einige der bekannteren Begriffe zu nennen, erwähne ich: Altorientalische Musiktherapie, Rhythmustherapie, Take-Tina, Trancetanz, Qui Gong, Tanztherapie, Konzentrative Bewegungstherapie, Atemtherapie, Körpertherapie, Bewegungsmeditation, Rollenspiele, Psychodrama, Schwitzhütten, Traum-Seminare, Maskentanz, Schamanische Reisen, geleitete Phantasiereisen, Freies Malen, Kunst-(Psycho)therapie, Gestaltungstherapie, Ausdrucksmalen, Beschäftigungstherapie. Gestaltungstherapie: Definition Im Folgenden werde ich eine Abgrenzung der Gestalttherapie zu den Letztgenannten versuchen. Die Begriffe werden oft synonym gebraucht, teilweise sowohl von Professionellen, je abhängig von der Ausbildungstradition, und von Laien. Die Definition bezieht sich also auf den eigenen Einsatz der Gestaltungstherapie. Und dieser Einsatz hat damit zu tun, dass die erlebten, symbolischen und konkreten Inhalte des Gestaltens in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, also der psychische und mentale Gehalt. Während die Beschäftigungstherapie auf die heilenden und strukturstärkenden Wirkung des bewussten und zielgerichteten Tuns beruht, kommen im Freien Malen und dem Ausdrucksmalen die Wirkkräfte des Schöpferischen hinzu. Indem der Mensch sich schöpferisch betätigt, erlebt er die Synthese von Autonomie, Schaffenskraft und Sinngebung. Indem er etwas Ganzes aus sich selbst herauserschafft, wird er selbst ganz. Der gefundene Sinn und die Erfahrung des Heilens spiegeln auf ihn zurück, oder aber, falls der Gestaltende etwas Unerträgliches aus sich selbst herausprojiziert, es auf die Leinwand etc. wirft, kann er sich nun davon befreien und abgrenzen. Hier schließt sich die Kunsttherapie (auch Kunstpsychotherapie) an. Manchmal legt sie den Fokus des Schaffensprozesses mehr auf die Erfahrung des Selbst, was eine Stärke des „Hier und Jetzt“ bedeutet, manchmal mehr auf ästhetische Elemente, die eine Versöhnung mit Normen oder Idealen bahnen. Die eigentliche Gestaltungstherapie bezieht die Erkenntnis und die Bewältigung des Unbewussten, der sinnlichen codierten Erinnerung und u. U. des Konflikthaften als wesentliche Elemente mit ein. Gestaltungstherapie nutzt die Wirkeigenschaft der gestalterischen Medien, um affektive Vorgänge zu regulieren. So bewirkt das Arbeiten mit relativ unkontrollierbarer Aquarellfarbe auch ein Sich-Begegnen und stellenweise Ineinanderfließen von affektiv getönten Vorstellungen. Die Reaktion auf dieses unkontrollierte Element, wenn z. B. das eine leuchtende Sonnengelb zu einem schmuddelig verlaufenden Braun wird, weil eine andere Farbe zu nahe kam, entsprechen ziemlich genau den Reaktionen des Alltags, wenn sich in einer idealisierten Beziehung die Ärgernisse ankündigen. Hingegen erzielen wir mit Ölpastellkreide oder Wachsmalstiften klarere Grenzen und Entmischungen. In der klinischen Gestaltungstherapie gewinnt diese affektive Steuerung an Relevanz. Auch thematische Vorgaben und die Einbeziehung imaginativer Techniken machen die Gestaltungstherapie zu einem effektiven Instrument, sowohl als Hauptverfahren als auch , wenn es darum geht, schwierige und instabile psychotherapeutische Verläufe zu steuern. Im Folgenden werde ich einige Anwendungsmöglichkeiten der Gestaltungstherapie erläutern. Gestaltungstherapie wird heute auch in der Selbsterfahrung angeboten. Hier speist sich das Setting ausschließlich aus den Intentionen und Erfahrungen der Anbieter. Ob ein Anbieter, der in der Volkshochschule oder einem Wochenendseminar einen Kurs gibt, weiß, was es u. U. bei den Klienten auslöst, und ob er über persönliche, anwendungstechnische und institutionelle Mittel verfügt, um eine auftretende Krise aufzufangen, kann nicht immer vorausgesetzt werden. Die Gefahr besteht darin, dass ohne geeignete Supervision jeder therapeutisch Handelnde die eigenen Verstrickungen in den therapeutischen Verlauf einbringt. Bei den abrechnungsberechtigten niedergelassenen wie auch klinischen Therapeuten kann die Supervision, die eine der Grundvoraussetzungen ist, der Gefahr entgegenwirken. Gestaltungstherapie findet oft auch in der Diagnostik einen Platz. Allerdings ist die Gefahr einer unwillkürlichen Bloßstellung bei allen Kreativtherapien hoch, weshalb ich die rein diagnostische Anwendung kreativer Verfahren ablehne. In der niedergelassenen Praxis kann Gestaltungstherapie praktisch in jedes Setting, außer dem klassischen analytischen, als ergänzende Technik der Exploration und Imagination eingesetzt werden. Sie bietet sich an, wenn in einer Gesprächssituation bildhafte oder szenische Vorstellungen auftauchen, aber auch, wenn umgekehrt der Bericht im Gespräch ganz blass bleibt. Die gemalte oder gestaltete Szene verbindet sich in der Regel mit dem real erlebten Gespür, die Verhältnisse und Beziehungen der Dinge untereinander werden dem Gestaltenden und dem Therapeuten deutlich, auch die Beziehung, die der Gestaltende selbst zu einem Thema hat. Gestaltungstherapie ist aber auch als begrenzendes Mittel einsetzbar, wenn es darum geht, ein Übermaß an Erlebnistiefe oder eine Ausweitung von Affekten abzuwenden. Beispiel: Frau X hat heute zum ersten Mal in ihrem therapeutischen Verlauf zugelassen, dass sie ihre Wut auf einen nahen Menschen lebendig spürt. Eigentlich lehnt sie dieses Gefühl ab. Ich lasse sie ein großes Bild an der Wand malen, um im nahen Gegenüber von ihrem Körper und der Projektionsfläche dieses unterdrückte Gefühl von Wut zu lockern. Frau X will zunächst, wie sonst immer, ein kontrolliertes, hübsches Bild malen, aber ihre Striche sind heute fahriger und gehorchen ihr nicht. Ich ermutige sie, ihre wahren Gefühle zuzulassen. Sie malt rote und schwarze dicke Striche. Es ist ihr nun egal, wenn die Farbe tropft oder wenn sie alles verschmiert. Sie fängt an zu weinen und verschmiert nun alles zu einem großen triefenden Knäuel von „hässlichen“ Farben. Und dann taucht die Angst auf, dass nun alles was schön war, zerstört wird. In diesem Moment kommt es darauf an, dass der Therapeut die Patientin so gut einschätzen kann, dass er weiß, ob diese Befürchtung berechtigt ist oder nicht. Das ergibt sich aus der Lebensgeschichte der Patientin, aus der Rolle, die ihre unterdrückten Gefühle darin spielen, es kommt weiterhin auf die momentane Stabilität an und auf die gesamte Dynamik ihres Erlebens. Allein die Diagnose reicht für die Beurteilung nicht aus. In diesem Fall traue ich der Frau X zu, ein „Stück“ des Affektes auszuhalten und „verdauen“ zu können, aber eben auch nicht alles auf einmal. Ich bitte sie, das Farbknäuel von außen her zu begrenzen, bis sie meint, dass es für sie in Ordnung ist. Sie nimmt einen trockenen Pinsel und wählt ein weiches gedecktes Blau, mit dem sie nun in kontrollierteren Strichen das Knäuel erst dünn umrandet. Als sie sich sicherer wird, setzt sie eine breitere Grenze und übermalt die äußeren Bereiche und vor allem die Farbrinnsale. Dabei beruhigt sie sich. In den folgenden Stunden lasse ich sie immer wieder ihre Gefühle ausmalen und dabei erleben, wie sie notwendige Grenzen und eine innere Balance einhalten kann. Das Beispiel verdeutlicht, dass die aktive Vorstellung, die durch die Gestaltungstherapie involviert wird, auf das Innenleben zurückwirkt, und dass sie neue Wege bahnen kann. Dabei entscheidet das Maß der affektiven Beteiligung die Tiefe der Einprägung. Dass gerade die Gestaltungstherapie einen kontrollierten und offen einsehbaren Vorgang ermöglicht, macht sie zu einem Instrument der Steuerung im psychotherapeutischen Prozess. Sobald eine affektive Beteiligung des Patienten gegeben ist, lassen sich imaginative und autosuggestive Vorgehensweisen mit dem Patienten besprechen und anbahnen. Vor allem in der Arbeit mit traumatisierten oder schwer verunsicherten Patienten gewinnen die strukturierenden und übenden Aspekte der Gestaltungstherapie an Bedeutung. Das macht sie zu einem wichtigen Faktor der klinischen Praxis. In der Schmerzklinik und in der Psychosomatik ist sie etabliert, in traumatherapeutischen klinischen Settings wird man gerade den imaginativen Anteil nutzen und in anderen psychiatrisch-psychotherapeutischen Settings wird das ganze Spektrum der Möglichkeiten angewendet. Als Ergänzungsverfahren zu anderen psychotherapeutischen Settings kann die Gestaltungstherapie als Einzel- oder Gruppenangebot auftreten. Je weniger der Therapeut die einzelnen Patienten und ihre lebensgeschichtliche Dynamik kennt, desto allgemeiner wird er sein Angebot halten. Er wird vor allem die Patienten einladen, ihre Gefühlswelt besser kennen- und einschätzen zu lernen, rechtzeitig zu spüren, was ihm gut tut und welches Ausmaß an Äußerung er noch integrieren kann. In diesem Fall wird der Patient in seiner Gesprächsgruppe oder im Einzelgespräch die Erfahrungen aus der Gestaltungstherapie weiter erkunden und besprechen. Wenn die Gestaltungstherapie ein fester Bestandteil des gruppentherapeutischen Settings ist, kann sie sich spezifisch mit dem Stand des Gruppenprozesses befassen. Sie kann bestimmte Themen aufgreifen und bearbeiten lassen, kann verborgene Aspekte des zuvor in der Gruppe Besprochenen vertiefen, sie kann die sozialen Beziehungen innerhalb des Gruppengefüges verdeutlichen oder zu beeinflussen versuchen und, wie oben beschrieben, auf die affektive Lage der Gemeinschaft einwirken. Vor allem aber ermöglicht sie den Gruppenmitgliedern etwas von sich zu zeigen und zu verstehen und es ist oft sehr erleichternd, wenn die Patienten das im Anderen wieder entdecken, was sie in sich selber so sehr gefürchtet haben. Nun wird deutlich, dass diese Erlebensweise menschlich und verzeihbar ist und die oft strengen Normen können gemeinsam verbessert werden. Die klinische Gestaltungstherapie wird manchmal auch als Einzelsetting angeboten und der Gestaltungstherapeut kann je nach Klinikstruktur mehr oder weniger zum Bezugstherapeuten werden. In dieser Konstellation kann er natürlich sehr spezifisch arbeiten und seine Vorgehensweisen sehr individuell auf die Dynamik und den Bedarf des Patienten abstimmen. Durch die relative Planbarkeit des gestalterischen Prozesses und seine Offensichtlichkeit für beide, Patient und Therapeut, kann das Krankheitsverständnis und eine Einschätzung dessen, was eine Besserung der Lage bewirken würde, wirklich gemeinsam erarbeitet werden. Natürlich ist die reale Situation immer weit komplexer als jede Darstellung. Doch in der handwerklich erstellten Gestaltung deuten sich dem erfahrenen Auge die wesentlichen Faktoren der beschriebenen Lage an, die Wirkkräfte werden sichtbar und dadurch ansprechbar. Deshalb ist der Handzeichnung immer der Vorzug gegenüber einer Collage zu geben oder einer selbst hergestellten Tonfigur gegenüber einer Puppe oder einem fremdgefertigten Stofftier. Auch und gerade eine ungeübte Hand offenbart durch das Gestalten die feinen Nuancen der inneren Realität. Die Patienten sagen, dass es „nur Zufall“ sei, aber gerade die unwillkürlichen Regungen führen uns auf die Spur. An dieser Stelle wird deutlich, wie viel Macht der Therapeut durch das Beobachten bekommt und wie sehr er darauf bedacht sein sollte, immer im gemeinsamen Erlebensraum mit dem Patienten zu bleiben. Denn gerade das Sichtbare kann, wenn es von außen bewertet oder benutzt wird, zu den heftigsten Schamreaktionen führen, die zu unauflösbaren Übertragungen führen. Ilka Christof
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
Sagen Sie uns ruhig mal Ihre
Meinung! Sie möchten diesen Artikel ausdrucken? Markieren Sie den gewünschten Text, gehen Sie in der Symbolleiste auf "Datei", dann auf "Drucken", danach "Markierung" anklicken und dann erst drucken, denn sonst verlieren Sie durch die nachfolgende Themenübersicht unnötiges Papier.
Weitere Fragen? Ihre Meinung? Tel. 0 56 26 / 87- 931, Fax: 0 56 26 / 87- 932
HARDTWALDKLINIK I Haftungshinweis: |